Kathrine Berger Meili hat einen Online-Führer für kinderfreundliche Gastronomie ins Leben gerufen. Sie erklärt, wie die Gastronomie Familien begeistert – und damit die Auslastung steigert.
Kathrine Berger Meili betont, dass Familien Chancen auf Mehreinnahmen, gute Auslastung und starke Bindungen bieten.
Entscheidend seien eine spürbare Willkommenskultur für Familien und Flexibilität im Service.
Ebenfalls wichtig sei Infrastruktur wie Kindersitze, Spielsachen oder ein Wickeltisch.
Klare Regeln und geschultes Personal brauche es, um Konflikte zu verhindern und zu schlichten.
Frau Berger Meili, warum sind Familien und Kinder eine wichtige Zielgruppe für Gastronom:innen?
Einer der wichtigsten Gründe ist, dass Familien immer wieder Anlässe feiern: Taufen, Kommunionen und Konfirmationen, Geburtstage – das sind Chancen für Mehreinnahmen. Familien gehen oft nicht zu Stosszeiten ins Restaurant und bleiben auch oft nicht allzu lange – das verbessert die Auslastung der Kapazität. Wenn Familien gute Erfahrungen mit einem Restaurant machen, merken sie sich das und kommen wieder, wodurch man eine starke Kundenbindung erreichen kann. Da Kinder die Kundschaft von morgen sind, kann man mit kinderfreundlicher Gastronomie den Grundstein für eine lange Bindung legen. Sie werden mit der Zeit grösser, essen mehr, die Rentabilität steigt. Und mir haben Gastronom:innen immer wieder erzählt, dass sie Kinder zu Besuch hatten, die später mit ihren eigenen Kindern wiederkamen.
Spricht es sich dann auch herum, wenn ein Lokal besonders familienfreundlich ist?
Und wie! Ein Beispiel hat mich sehr beeindruckt: Vor längerer Zeit richtete ein Gastronom in der Zürcher Innenstadt eine schöne Spielecke in seinem Lokal ein, wirklich vorbildlich. Das Lokal wurde bald regelrecht überrannt und der Gastronom musste zum Teil zwei zusätzliche Servicemitarbeitende einstellen.
Kathrine Berger Meili
Nach ihrem Psychologiestudium arbeitete Kathrine Berger Meili mit Kindern und Jugendlichen. Als sie Mutter wurde, konnte sie nirgends einen Gastroführer für Eltern finden und stellte diesen selbst auf die Beine.
Kinderfreundliche Gastronomie: So geht’s
Was sollte kinderfreundliche Gastronomie bieten?
Ganz wichtig ist, dass Familien wissen, dass sie willkommen sind. Mein Online-Gastroführer erzielt seit Jahren konstant viele Klicks, und ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass Eltern sich absichern wollen, dass sie in einem Lokal willkommen sind. Weiter braucht es eine gewisse Flexibilität im Service. Manchmal ist einem Kind ein ganzes Menü zu viel und es möchte es teilen, oder es hat andere spezielle Wünsche. Was man auch wissen muss: Wir Erwachsenen gehen zum Geniessen in ein Lokal, aber Kinder möchten sich dort auch beschäftigen. Oft haben die Eltern Sachen dabei, aber es ist sehr cool, wenn es vor Ort Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Und natürlich sind Kindermenüs mit kleinen Portionen wichtig, die den Geschmacksvorlieben der Kleinen Rechnung tragen.
Was für eine Infrastruktur braucht es?
Für kleinere Kinder braucht es Dinge wie Kindersitze, einen Wickeltisch und Platz für Kinderwagen. Besonders toll ist es, wenn man einen eigenen Familienbereich definieren kann – das entlastet auch die anderen Gäste. Super ist auch, wenn man beispielsweise ein Gestell aufstellt, das verschiedene Spielsachen enthält. Man kann auch am Tisch eine Kindertasche oder -box mit Rätseln, Stiften und anderem abgeben. Eine Spielecke ist natürlich Luxus – sie braucht Platz und es kann dadurch etwas lauter werden.
Kinder sind die Kundschaft von morgen.
Kathrine Berger Meili
Herausforderungen familienfreundlicher Restaurants
Das kann belastend sein: Im November 2025 war in den Medien von einem Café zu lesen, das nur noch Gäste ab 14 Jahren bewirtet. Können Sie das nachvollziehen?
Meiner Erfahrung nach sind solche Betriebe eine ziemliche Ausnahme. Aber wenn man ein familienfreundliches Restaurant werden möchte, muss man das bewusst machen, da es Konsequenzen hat. Manchmal steigt der Lärmpegel, und trotz der Bemühungen der Eltern lassen sich Kinder nicht immer sofort beruhigen. Das kann andere Gäste verärgern. Wer eine Spielecke hat, muss die ab und zu auch selber wieder aufräumen. Kinderwagen nehmen einiges an Platz in Anspruch.
Teils rennen Kinder gerne im Lokal umher – da muss man bereit sein, Grenzen zu setzen. Es muss kommuniziert werden: Ihr Eltern seid verantwortlich für die Kinder, wir sind kein Spielplatz. Wenn die Servicemitarbeitenden mit heissen Gerichten unterwegs sind, stellen die rennenden Kinder eine Gefahr dar – auch deren Spielsachen, wenn die auf dem Boden liegen gelassen werden.
Was raten Sie Gastronom:innen zur Vorbereitung auf solche Herausforderungen?
Die Servicemitarbeitenden sollten geschult werden, damit sie wissen: Wir dürfen Eltern in die Schranken weisen. Ein Gastronom, mit dem ich sprach, hatte oft zu viele Kinderwagen im Lokal und stellte darum eine Regel auf: Maximal dürfen vier Kinderwagen herein. Dafür richtete er draussen einen «Parkplatz» für weitere Wagen ein. In den meisten Fällen bewirken solche Grenzen viel.
Engagement für Kinderfreundlichkeit
2013 gründeten Sie den Gastroführer food4family, um für mehr Familienfreundlichkeit zu sorgen – haben Sie das erreicht?
Ich habe in den letzten 15 Jahren durchaus einen Wandel beobachtet. Es hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die Leute heute später Kinder bekommen: Früher hat man mit Restaurantbesuchen eher noch gewartet, bis die Kinder älter waren. Die heutigen Eltern sind es hingegen oft gewohnt, ins Restaurant zu gehen, und möchten nicht mehr darauf verzichten. Darauf sind die Gastronom:innen heute sensibilisiert. Das Angebot ist breiter und vielfältiger geworden. Aber es ist nach wie vor ein Alleinstellungsmerkmal, wenn man sich auf Familienfreundlichkeit fokussiert.
Was für ein besonders schönes kinderfreundliches Restaurantkonzept durften Sie schon kennenlernen?
Wir besuchten einmal ein Restaurant aus meinem Führer. Dort gab es einen abgetrennten Bereich für Familien, und die Servicemitarbeitenden waren offensichtlich gut instruiert worden. Wir wurden sehr freundlich begrüsst, und alle Kinder bekamen eine tolle Spielbox, die sie zwei Stunden bei Laune hielt. Das Servicepersonal sagte zu ihnen: «Wenn ihr die Spielboxen am Ende aufgeräumt zur Kasse bringt, bekommt ihr ein kleines Geschenk.» Das klappte super. Auch die Sonderwünsche wurden erfüllt: Ein Kind wollte einfach etwas Pizzateig ohne Belag, Sirup wurde gewünscht – sie bekamen alles. Das wurde unser Lieblingsrestaurant.
Familienfreundlichkeit ist nach wie vor ein Alleinstellungsmerkmal.
Kathrine Berger Meili
Zum Schluss: Ihre Plattform food4family läuft derzeit nur noch auf Sparflamme, richtig?
Ja, ich nehme keine neuen Aufträge mehr an. Ich habe das Projekt begonnen, als ich selbst erst Mutter geworden war – mittlerweile ist meine Tochter erwachsen und ich lasse food4family auslaufen. Falls sich aber jemand findet, der das Projekt weiterführen will, fände ich das schön. Wer interessiert ist, darf sich gerne melden!
Bilder: Holger Jacob, Kathrine Berger Meili