Wie tickt das Tessiner Gastgewerbe? Ticino-Turismo-Präsident Simone Patelli kennt es besser als die meisten und beschreibt, was den Südkanton zu einer so besonderen Destination macht – und warum sich ein Besuch auch im Winter lohnt.

In Kürze
  • Tessiner Gastronomie vereint italienische Tradition, lokale Identität und Authentizität mit regionaler Vielfalt.

  • Herzlichkeit, Nähe und mediterrane Lebensart prägen Service, Atmosphäre und Gastfreundschaft im Ticino.

  • Im Rahmen der Strategie «Ticino365» entwickelt sich das Tessin zur Ganzjahresdestination mit Winterangeboten.

  • Grosses Potenzial sieht Simone Patelli in der noch konsequenteren Nutzung lokaler Produkte und Spezialitäten.

Herr Patelli, was zeichnet die Tessiner Hotellerie und Gastronomie aus?

Bei der Tessiner Gastronomie spürt man stark den Einfluss der lombardischen und der piemontesischen Küche. Dennoch behält sie ihre eigene unverkennbare Note. Diese Mischung aus italienischer Tradition und lokaler Identität schafft eine authentische Küche, die man nur hier findet. Einzigartig sind unsere Grotti; kleine Traditionslokale, in denen einfache, ehrliche Gerichte und der berühmte Tessiner Merlot serviert werden. Auch die Alpkäsereien und regionalen Spezialitäten aus den Tälern verleihen der kulinarischen Landschaft grosse Vielfalt. Je nach Region oder Tal findet man unterschiedliche Gerichte, was das kulinarische Erlebnis im Tessin besonders abwechslungsreich macht.

Zur Person

Simone Patelli

Der erfahrene Tourismusfachmann ist seit 2012 Mitglied des Verwaltungsrats von Ticino Turismo, wo er heute das Amt des Präsidenten innehat. Seit 2022 gehört er zudem zum Vorstand von Schweiz Tourismus.

ticino.ch

Worin unterscheidet sich die Szene von anderen Schweizer Regionen? Was könnten Deutsch -und Westschweizer Betriebe von ihren Tessiner Kolleginnen und Kollegen lernen?

Das Tessin unterscheidet sich vor allem durch seine mediterrane Lebensart – spürbar in der Küche, im Service und in der Gastfreundschaft. Während in anderen Regionen vielleicht Effizienz und Präzision stärker im Vordergrund stehen, setzen wir im Tessin auf Herzlichkeit, Nähe und Lebensfreude. Gäste sollen sich willkommen und als Teil einer Geschichte fühlen, die mit Leidenschaft erzählt wird. Dieses offene, warme Miteinander ist sicherlich etwas, was auch andere Regionen inspirieren könnte.

Authentische Gastronomie 

Womit punktet man als Tessiner Hotel oder Restaurant bei den Gästen?

Durch Authentizität, persönliche Atmosphäre und echte Regionalität. Viele Betriebe sind familiengeführt, was eine spürbare Nähe zu den Gästen schafft. Die Verbindung aus mediterranem Lebensgefühl und Schweizer Qualitätsanspruch verleiht dem Aufenthalt eine besondere Note. Dazu kommt das Engagement für nachhaltige lokale Produkte – von Wein über Käse bis zu saisonalem Gemüse. Diese Echtheit und die Liebe zum Detail sind, was Gäste am meisten schätzen.

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Welche Rolle spielt die Kulinarik bei den Gästen, die sich für einen Aufenthalt im Tessin entscheiden? 

Gemäss Tourismus-Monitor Schweiz ist das gastronomische Angebot der fünftwichtigste Grund, warum Gäste das Tessin besuchen. Es kommt direkt nach Natur, Seen und Flüssen, Bergen und Klima. Für unsere treuesten Gäste, also jene, die mehrmals im Jahr kommen, oder eine Zweitwohnung besitzen, ist die «Ticinesità», das authentische Tessiner Lebensgefühl, ein entscheidender Faktor. Sie suchen gezielt Orte, an denen sie dieses Flair in der Gastronomie und Hotellerie wiederfinden.

Das Tessin zeichnet sich vor allem durch seine mediterrane Lebensart aus.

Simone Patelli

Präsident Ticino Tourismo

Winterferien im Tessin

Als Destination für Winterferien kennt man das Tessin eher nicht. Nehmen Sie dennoch eine Tendenz wahr, dass sich auch das Tessin in Richtung Ganzjahresdestination entwickelt?

Ja, es lässt sich klar eine Entwicklung hin zur Ganzjahresdestination beobachten. Immer mehr Gäste entdecken das Tessin auch im Winter, sei es für kulinarische Wochenenden, Wellness-Aufenthalte, kulturelle Anlässe oder Wanderungen bei mildem Klima. Die Nähe zur Natur, die Ruhe und das mediterrane Licht auch in den Wintermonaten schaffen ideale Bedingungen für Erholung. Viele Hotels und Restaurants haben ihr Angebot entsprechend erweitert und setzen auf Erlebnisse abseits der klassischen Sommersaison, um neue Zielgruppen anzusprechen. 

Wir haben dieses Jahr nicht nur die Strategie «Ticino365» entwickelt, sondern auch in einem langen Aktionskatalog festgelegt, wo die Reise – im übertragenen und wörtlichen Sinn – hingehen soll. Mit vielen Aktivitäten starten Hotellerie und Gastronomie schon dieses Jahr. Es gibt vermehrt attraktive Angebote für Weihnachten und Silvester und mit dem Winterland Locarno auch einen lokal etablierten Event. Man kann bei uns darüber hinaus hervorragend Winterbiken, Wandern oder Langlaufen. Das Tessin lockt inzwischen auch MTB-Fahrer an, die nicht bis nach Italien fahren wollen, da sie hier mediterrane Verhältnisse vorfinden.

Wie geht die Branche mit den saisonalen Schwankungen um? Welche Modelle könnten die Beschäftigung stabilisieren? Vielleicht sind Ihnen besonders spannende Ansätze bekannt. 

Saisonale Schwankungen abbauen ist ein weiteres Ziel, das wir durch Strategie «Ticino365» erreichen können. Je mehr Betriebe sich mit der Zeit dafür entscheiden, ganzjährig zu öffnen, desto stabiler wird die Beschäftigungsquote. Es wird aber auch die richtige Antwort auf die steigende Nachfrage nach Angeboten ausserhalb der üblichen Saisonzeiten sein.

Man kann bei uns auch hervorragend Winterbiken, Wandern oder Langlaufen.

Simone Patelli

Präsident Ticino Tourismo

Lokale Kulinarik mit Potential

Gibt es Bereiche, in denen sich die Tessiner Hotellerie und Gastronomie Ihrer Meinung nach noch steigern kann?

Die Hotellerie und Gastronomie im Tessin hat in den vergangenen Jahren ein bemerkenswert hohes Qualitätsniveau erreicht. Zahlreiche Betriebe zeichnen sich durch Innovationsgeist, Serviceorientierung und eine tiefe Verbundenheit mit der Region aus. Grosses Potenzial liegt in der noch konsequenteren Nutzung lokaler Produkte und typischer Tessiner Spezialitäten. Viele Häuser gehen hier bereits mit gutem Beispiel voran, durch Kooperationen mit Produzenten aus der Region, nachhaltige Lieferketten und authentische Menügestaltungen. Dieses Bekenntnis zu Regionalität könnte künftig noch stärker zum zentralen Bestandteil des kulinarischen Erlebnisses werden.

Wie wird das Tessiner Gastgewerbe im Jahr 2050 aussehen?

Prognosen bis 2050 sind mit Vorsicht zu geniessen, zu viele Faktoren werden die Entwicklung prägen. Dennoch zeichnet sich eine Tendenz ab: Die Gastronomie wird weiter polarisieren. Spitzenrestaurants werden mit kreativer Sterneküche neue Massstäbe setzen, während die Nachfrage nach authentischer, lokaler und nachhaltiger Küche wächst. Internationale Einflüsse werden fortbestehen, gesellschaftliche Veränderungen und neue Konsumgewohnheiten die Szene weiter formen. Ob Fast- und Streetfood-Konzepte zu stärkerer Durchmischung oder zu einem Gegentrend bewussten lokalen Genusses führen, bleibt offen. Sicher ist nur, dass sich die Gastronomie stetig weiterentwickelt, im Spannungsfeld zwischen Authentizität, Innovation und Wandel.

Bilder: Getty Images: Mats Silvan

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Raphael Dorigo

Autor

Als Sprachgourmet kreiere ich leidenschaftlich Texte, die mehr sind als Wortsalat.

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Branche

Gastronomie und Hotellerie

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